10 Jahre Fantasy Filmfest
Ok, das ist natürlich nicht ganz wahr, eigentlich gibt’s das Festival schon etwas länger, 2009 waren wir bei Festival Nummer 23, das Ding findet jährlich statt, also könnt ihr euchs ja ausrechnen. Nein, aber 1999 war mein erstes Mal und mit einer Ausnahme war ich ich jedes Jahr zumindest auf 1-2, meistens eher 5-10 Filmen.
Wer es nicht kennt: Das Fantasy Filmfest ist in erster Linie ein Festival für Horror, Sci-Fi und Thriller in sieben deutschen Städten. Das Festival findet immer im Sommer statt, die Auswahl liegt so bei 80 Filmen jährlich, die in München auf das Cinema und das City verteilt sind. Wenn man den vollkommen bescheuerten deutschen Beschreibungen im Programmheft glauben darf handelt es sich natürlich bei jedem Film um ein Meisterwerk, aber gerade im Bereich Horror ist das natürlich nicht ganz der Fall. Insgesamt waren im Laufe der Jahre aber einige Perlen dabei und bei einigen Filmen ist das FFF die erste (teils Monate und sogar Jahre vor dem deutschen Kinostart) und oft auch fast die einzige Möglichkeit den jeweiligen Film im Originalton (und ungeschnitten) in Deutschland im Kino zu sehen. Kleine Auswahl der letzten Jahre: Brick, Memento, Princess Mononoke, Saw, Old Boy, Fulltime Killer, Sin City, Dark City, Cube, JCVD, Ghost In The Shell 2, Hellboy, Ichi the Killer, Let The Right One In und (etwas als Kontrast, Die fabelhafte Welt der) Amelie. 1999 war auch das erste Mal, dass ich was mit René Hoffmann unternommen habe (wenn man gemeinsam Filme macht startet man wohl am besten auch so), Film damals war The Boondock Saints (Der blutige Pfad Gottes): Das erste und einzige Mal, dass wir während eines Films Standing Ovations erlebt haben (plus anschließendem Filmriss). Ja so fängt alles an.
Nicht, dass jemand denkt, dass ich Werbung fürs diesmalige Festival mache, das Festival ist seit Mittwoch um, leider. Aber natürlich gab’s wieder was zu sehen, und bei meiner Auswahl von sechs Filmen gabs auch fünf Treffer, gute Quote. Eine kleine Filmbesprechung kann da nicht schaden (die Titel verlinken übrigens direkt auf die IMDB):
Der Eröffnungsfilm des diesjährigen FFFs und Road Trip durch eine sterbende USA. Fast das ganze Land wurde von einem Virus dahingerafft und vier junge Erwachsene versuchen sich zum Meer durchzuschlagen und eine Infektion mit allen Mitteln zu vermeiden. Ich persönlich finde die Grundidee ja spannend, Postapokalypse, Virus usw. Der Film fängt generell auch die Bedrohung durch das Virus gut ein, bringt die Leere verwaister Städte rüber und die Aussichtslosigkeit denen die wenigen noch Überlebenden gegenüber stehen. Schade nur trotzdem, dass der Film irgendwie doch so mittelmäßig ist:Konflikte sind vorhersehbar, Charakteren fehlt Tiefe (da kann auch Chris Pine der neue Captain Kirk in Star Trek nicht viel ausrichten), Situation werden einfach abgearbeitet ohne das viel mit Ihnen passiert (ein Subplot handelt von einem Vater, der seine kranke Tochter beschützt: spannender und emotionaler als die Reise der Hauptdarsteller) und Musik und Filmsprache sind einfach nur generisch ohne irgendeinen besonderen Akzent. Das Ding hätte richtig was werden können und ist auch wirklich nicht schlecht, aber am Ende wünscht man sich einfach nur, dass er doch besser sein hätte können.
Kommen wir vom Fehltritt zu einem der großen Highlights: Der Name lässt es ja schon vermuten, Thirst ist ein Vampirfilm, aber ein ganz besonderer, alleine das Herkunftsland (Südkorea) lässt schon etwas anderes vermuten. Ein katholischer Priester (ja ein katholischer koreanischer Priester) lässt sich für Forschungszwecke quasi als guter Märtyrer mit einem tödlichen afrikanischen Virus infizieren. Dank besonderer Bluttransfusion überlebt er nicht nur das Virus sondern entwickelt ziemlich alle klassischen Eigenarten die man bei Vampiren so kennt und verfällt tief in eine ungeahnte Fleischeslust: Sex mit seiner neuen unglücklich verheirateten Freundin wechselt sich ab mit einem kräftigen Schluck Blut aus Transfusionen von Krankenhauspatienten.
Der Film ist natürlich etwas speziell. Aber genau das wünscht man sich ja bei Chan-wook Park, dem Regisseur von Sympathy for Mr. Vengeance, Oldboy und Joint Security Area. Nicht zu vergessen sind bei ihm noch I’m A Cyborg But That’s Ok und Lady Vengeance (bisher mein Favorit). Ich persönlich bin ziemlich großer Fan von Chan-Wook Park, ein Regisseur und Autor mit unvergleichlichem Stil. Thirst ist ein gutes Beispiel: Visuell fantastisch mit großartigen arrangierten Bildern und Kamerafahrten (inkl. herrlicher Referenz an ein ziemlich bekanntes Eggleston Foto), sehr intensiv erzeugten Momenten (unter anderem durch starke Bremsung des Erzähltempos), wirklich schmerzhafter Gewalt, absurdem Humor, gut ausgearbeiteten Charakteren, abgefahren Situationen voller guter Ideen, gelungenem Einsatz von CGI und ein einem guten Maß an absurder Romantik. Thirst ist hier herrlich: Die Liebesgeschichte ist komisch und tragisch zugleich, de Charaktere sind eigen aber irgendwie liebenswert, die Erotik prickelnd auf eine vollkommen verdrehte Art und die Beziehungsprobleme unter Vampiren sind interessant ausgebaut. Das Erzähltempo ist ähnlich wie seinen anderen Filmen teils etwas schleppend für westliche Geschmäcker, aber Sitzfleisch wird immer wird mit herrlichen Ideen und großartigen Momenten belohnt. Für mich ein weiteres Highlight von einem der besten Regisseure Asiens. Kinostart in Deutschland ist übrigens Oktober 2009. Hier übrigens noch ein Q&A mit ihm vom FFF in Hamburg:
Trick ‘r Treat ist tatsächlich mal gelungener Horrorfilm, der zwar jedes Klischee für sich nutzt aber das auf etwas schlauere Art und Weise, nicht megagrausig oder übergruselig ist, aber Spaß macht und herrlich mit Erwartungen spielt. Storymäßig dreht sich natürlich alles um Halloween, aber mit dem Twist, dass mehrere Geschichten in einer Nacht erzählt werden, die natürlich miteinander verbunden sind: Eine als Rotkäppchen verkleidete Anna Paquin auf der Suche nach ihrem ersten Mal, Teenager die einen lange untergegangen Schulbus voll verwunschener Kinder suchen, ein Lehrer der kleine dicke Kinder vergiftet, ein alter Mann der von seiner Vergangenheit eingeholt wird und ein kleines Kind mit Sackmaske das eine neue Horrorkultfigur darstellen könnte. Man könnte die Erzählstruktur ein wenig mit (L.A.) Crash vergleichen, ansonsten gibt es natürlich ein paar Differenzen. Was mir einfach Spaß macht an dem Film: Er ist eher mit altmodischen Horrorkonventionen wie in Creepshow verbunden und spielt damit: Vermeintliche Opfer werden zu Tätern, eine eigentlich klar vorhersehbare Horrorsituation dreht sich noch mal und und und. Der Film hat dieses Augenzwinkern, einfach ein Spaß am Makabren ohne nur exakt die breitgetretenen Slasher oder Torture Porn Pfade abzulaufen (auch wenn der Trailer eher ernste Standardkost vermuten lässt). Vielleicht darf man daher dem Internet glauben, dass Trick ‘r Treat das Zeug zum kleinen Kultfilm hat, ich würds im durchaus wünschen. Realistisch gesehen, wird der Film aber nicht in Deutschland im Kino landen, sondern direkt auf Video ausgewertet.
Ein nach dreijähriger Mission auf dem Mond vollkommen vereinsamter Sam Rockwell trifft unter seltsamen Umständen sein zweites ich. Moon ist inzwischen der Favorit vieler Festivals, sowohl bei Publikum als auch bei Kritikern. Was als Szenario etwas seltsam klingt ist ein schöner kleiner Film mit einem fantastisch spielendem Sam Rockwell im Zusammenspiel mit sich selbst und einem von Kevin Spacey gesprochenen Computer. Visuell ist der Film exzellent mit schönen Sets und handgeschaffenen (Modelle, kein CGI) Mondeffekten, emotional ist er packend und die Inszenierung geht auch einfach mal weg von der Überdramaturgisierung die mich sonst in vielen Sci-Fi Filmen im All nervt: Keine ständigen Meteoritenschauer, keine Basis kurz vor der Selbstzerstörung, kein Sauerstoff der auszugehen droht, kein durch und durch böser Computer und auch kein abgedrehtes Monster das alle abmurkst. Wem Sunshine am Anfang noch getaugt und am Ende nur den Kopf geschüttelt hat, könnte Moon richtig gut gefallen. Der Konflikt vom einsamen Mann auf dem Mond der sich selbst entdeckt reicht tatsächlich auch für große Emotionen. Klingt immer noch seltsam? Naja der Film ist auch vom Sohn von David Bowie
Apropos große Emotionen: Der Score von Clint Mansell (u.a. Requiem For A Dream, The Fountain) ist ein Traum, das Titelthema geht mir nicht mehr aus dem Kopf, für mich der Soundtrack des Jahres. Einziger Wehrmutstropfen: Nach derzeitigem Stand kommt der Film in Deutschland nicht ins Kino, der Verleih geht wohl davon aus, das der deutsche Kinogeher kein Herz für einsame Astronauten hat. Sehr schade.
Der wie schon mal geschrieben meisterwartete Film von mir in den letzten Monaten. Aliens die unter Apartheid ähnlichen Zuständen in den Townships von Johannesburg hausen sind mal ein vollkommen anderes Szenario. Der Film wirkt generell gleich ein wenig anders als klassische Filmkost: Der Film wird in einer Mischform aus klassischer Spielfilmsprache, Nachrichtenschnipseln und Dokumentarfilm erzählt. Interviews wechseln sich mit Action ab und eine immerwährende Handkamera führt einen direkt ins geschehen. Das ganze wird noch unterstützt durch einen hervorragenden Hauptdarsteller (Sharlto Copley als Wikus Van De Merwe – welch geiler Name
der sich nach der Infizierung mit Alien DNA vom naiven Bürokraten zum Freiheitskämpfer für Aliens entwickelt. Was genial ist: Alles wirkt aus einem Guss: Die schmutzigen Slums und der allgemeine Look des Films, die Inszenierung, die Darsteller und besonders die Spezialeffekte: Die Aliens und Effekte sind so durchgehend gut gelungen dass man in der nächsten richtigen Nachrichtensendung fast echt ein UFO über Johannesburg vermuten könnte. Szenario, Effekte und Filmsprache sind genial, auch emotional ist der Film packend und mitreissend: Man leidet richtig mit dem trotteligen Wikus mit, wird direkt in dieses etwas andere Südafrika gestürzt, selbst bei den Aliens gibt es ein Vater und Sohn Duo das emotional den Ton trifft.
Probleme? Ja, gerade bei einem Film, der einem im Netz als das absolut große Ding, als neue Filmoffenbarung versprochen wird gibt es einige davon: Was am Anfang noch unglaubliches Potential verspricht wandelt sich irgendwann in einen sehr simplen B Actionfilm mit faden eindimensional Bösewichten. Sowohl die omniösen Betreiber des Aliencamps als auch die nigerianische Mafia wollen nur eines: Die per DNA nur für die Aliens (im Film übrigens böse Shrimps genannt) nutzen: praktisch wenn der arme Wikus dann auch mit dieser DNA verseucht ist. Was dann rauskommt ist etwas vorhersehbar: Die Bösen bekommen ihre Waffen: Auf der falschen Seite der Mündung. Wikus ballert sich im Alienkampfrobotor durch Horden von schwerbewaffneten Söldnern und die Alienwaffen werden ihrer Nachfrage sehr, sehr gerecht: Getroffene Menschen werden regelrecht in Stücke zerfetzt, Transformers trifft Splattereffekte und Wikus ballert seinen neuen Freunden den Weg frei. Die Action ist natürlich genial und ja, ich stehe auf Splatter, auf den Instagib-effekt (siehe Egoshooter) den man hier zu sehen bekommt. Das Ding bietet Wumms für Erwachsene, schade nur, das es am Ende nicht mehr unbedingt den Grips für solche bietet.
Aber nicht falsch verstehen: Ich finde das Ding super, von Inszenierung bis zum Emotionalen Kontext, aber es ist am Ende doch nur ein wirklich guter Actionfilm, aber ein sehr gutes Debüt für Regisseur Neill Blomkamp. Da kommt ein ziemliches Talent auf den Kinogucker zu. Noch was: Der Film ist zwischenzeitlich schon in Deutschlland angelaufen: A) Reingehen B) Aber nicht synchronisiert. Die südafrikanischen Akzente sind so genial und geben einen solchen Atmospärebonus, es wäre echt schade, sich das durch Hochdeutsch zu zerstören. Und bevor ich es vergesse: Der film basiert auf dem genialen Kurzfilm Alive in Joburg, stylistisch sehr ähnlich und sehr empfehlenswert, unbedingt angucken.
Die große Überraschung. Basierend auf dem Leben von Großbritanniens berüchtigsten Gefängnisinsassen Charlie Bronson ist der Film eine visuelle unglaublich genial inszenierte Nummer. Herrlich stylisierte Bilder mit leicht surrealem Grundton erzählen der Story, Erinnerungen an Kubrick werden wach, während der wirklich beeindruckend spielende Tom Hardy den fast schon kindlich naiven Gewaltversbrecher wie in einem bizarren Theaterstück inszeniert. Der Grundton hat schon eine gewisse Ironie wenn Bronson sich wie ein wildes Tier wieder und wieder Gefängniswärtern in vollem Riot Gear stellt und durchboxt während er bei seiner Mutter wie ein kleiner Junge jammert nachdem er herausfindet, dass sie einen Großteil seines Kinderzimmers aufgelöst hat. Ein herrlich abgedrehtet Film mit guten Ideen, klasse eingesetzter Musik (Pet Shop Boys in der Irrenanstalt) und einer klaren, ruhigen und expressionistischen Filmsprache. Für mich ein ziemlicher Gemeimtipp. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass ich mir jetzt wohl vom selben Regisseur Nicolas Winding Refn die Pusher Trilogie besorgen werden, von der Art von Inszenierung will ich mehr sehen. Ähnlich wie der seelenverwahnte Chopper wird Bronson wohl irgendwann mal in Deutschland auf Video landen, dann lieber gleich die jetzt in UK erhältliche Blu-Ray importieren.
Fazit:
Zumindest von den gesehen Filmen ein doch empfehlenswertes Jahr, sowohl Moon (herrliches Moodpiece), District 9 (der etwas andere Sci-Fi Actionfilm) und Trick ‘r Treat (Horror der Spaß macht) kann ich sehr empfehlen, wer es etwas spezieller mag sollte aber auch unbedingt Thirst (Chan-Wook Park inszeniert einfach fantastisch) und Bronson (fast ein kleiner Kubrick) eine Chance geben. Ich muss aber zugeben, dass ich dieses Mal wirklich nur an der Oberfläche gekrazt habe. Gerade dieses Jahr waren einige interessante Filme aus Frankreich dabei und Horrorfilme mit (wie vom Festivalleiter ausgedrückt) schwererziehbaren Kindern waren dieses Jahr reichlich vertreten. Schaut doch einfach mal auf die Website, damit ihr seht was euch auch wieder nächstes Jahr erwarten könnte:















